Das Riff auf einem Atoll hat einen unglaublich zwiespältigen Charakter. Es bietet Schutz, während die Menschen gleichzeitig den Naturgewalten total ausgeliefert sind. Draußen tobt der Ozean, in der Lagune ist es still und friedlich. Die Lebewesen im Ozean - Fische, Schnecken, Korallen, Seeigel und viele mehr - sind robust und widerstandsfähig. In der Lagune sind die Lebewesen zart und zerbrechlich. Am Außenriff droht Gefahr. Die Lagune bietet Schutz und Geborgenheit.

Diese Extreme prägen das Leben der Einheimischen seit Jahrhunderten. Selbst ihre Religiosität wird davon stark beeinflußt. So taufen zum Beispiel die Sanito ihre Kinder im Wasser der Lagune. Bei jeder Bootsfahrt über den Ozean bitten sie in einem kurzen Gebet um göttlichen Beistand. .

Auch der Besucher wird nach wenigen Tagen diese Zwiespältigkeit spüren. Im Gegensatz zu einer Insel kann man sich auf einem Atoll nirgendwohin zurückziehen - tatsächlich und auch mental. Man ist den Elementen ausgeliefert. Ich habe Reisende erlebt, die jeden Tag bis zu ihrer Abreise zählten, weil sie diese Situation nicht ertragen konnten. Die allermeisten Touristen kamen aber aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich habe beim Abflug vom Atoll bei manchen feuchte Augen gesehen.

Kurz gesagt: Das Riff mit dem umgebenden Wasser - Ozean und Lagune - ist DER Faktor, der den Charakter eines Atolls und seiner Bewohner ausmacht. Es nimmt einen mit allen Sinnen gefangen. Und es ist ungemein spannend, diese Spannung längere Zeit mitzuerleben.